Tag der Architektur - Hinter den Kulissen der Bauprojekte

Die im Dunklen sieht man nicht

Vom BND bis zur Neuen Nationalgalerie: – eine Würdigung des Bauleitungsbüros BAL

Ein Projekt prominenter als das nächste: Das Bauleitungsunternehmen Büro Am Lützowplatz hat in seiner 30-jährigen Geschichte viele große Baustellen geführt – vom verglasten Lesesaal der Staatsbibliothek Unter den Linden über die Staatsopernsanierung bis zur Neuen Nationalgalerie.
Ein Projekt prominenter als das nächste: Das Bauleitungsunternehmen Büro Am Lützowplatz hat in seiner 30-jährigen Geschichte viele große Baustellen geführt – vom verglasten Lesesaal der Staatsbibliothek Unter den Linden über die Staatsopernsanierung bis zur Neuen Nationalgalerie.
Von Gerwin Zohlen     

Eines der prominentesten Beispiele ist die Sanierung der Staatsoper Unter den Linden: Bauzeit verdoppelt, geplante Kosten um zwei Drittel übertroffen. Dennoch wurde das 2009 begonnene Vorhaben im vergangenen Jahr paradoxerweise sehr pünktlich fertiggestellt. Doch weder der Architekt HG Merz noch die Bauleitung, die das Büro Am Lützowplatz (BAL) 2010 übernommen hatte, trugen für die Probleme die Verantwortung. Das hat ein eigens einberufener Untersuchungsausschuss offiziell festgestellt.

Der Architekt konnte nicht wissen, dass unter dem Bau Gründungspfähle einer Berliner Bastion aus dem 17. Jahrhundert verborgen waren. Als sie bei der Wasserabdichtung des Gebäudes gefunden wurden, waren es die Findigkeit, Sorgfalt und der Ingenieursverstand des Bauleitungsbüros BAL, das dafür zusammen mit Fachingenieuren die Lösung fand. Mithin, als der Entwurf des Architekten an der Wirklichkeit des Orts überprüft und die Baubarkeit kontrolliert und zeitlich wie finanziell angepasst war, lief alles wie am Schnürchen.

Das Büro Am Lützowplatz wurde 1988 in Berlin gegründet und feiert dieses Jahr sein 30. Jubiläum. Anlass der Gründung war der Bau des Kammermusiksaals im Kulturforum, der nicht nur dank seines Architekten Edgar Wischnewski zu einem komplizierten und anspruchsvollen Bauwerk wurde. Heute arbeiten etwa 100 Architekten und Bauingenieure zu etwa gleichen Teilen bei BAL und konservieren mittlerweile einen Wissens- und Erfahrungsschatz, der einzigartig ist. Der seinerzeit inaugurierte Ehrgeiz, zur Realisierung ambitionierter Architektur beizutragen, ließ BAL vornehmlich für herausragende Kulturbauten tätig werden; Museen, Universitäten, Opern und Bankgebäude – oft und gern auch im Bestand und unter Denkmalschutz.
Fotos: Alexander Schippel/Promo (2), AFP/John MacDougall
Fotos: Alexander Schippel/Promo (2), AFP/John MacDougall
Eine der Aufgaben eines solchen Büros: Probleme identifizieren, analysieren und die richtige Lösung vorschlagen. Bei der Staatsoper ging alles formidabel. Das kostbare Ensemble wurde denkmalgerecht saniert, entkernt, unterhöhlt, aufgeständert, abgedichtet, akustisch nachgebessert und frisch vergoldet. Und schon glänzt die Staatsoper wieder im unfertigen Zustand von Unter den Linden als Paradebeispiel einer gelungenen Sanierung – was beim Bauen in Berlin ja nicht an allzu vielen Stellen rühmlich gesagt werden kann.

Viele solcher Geschichten könnte man erzählen, denn jeder Bauplatz und jedes Projekt hat seine Eigenheiten, ob es die riesige unbekannte Pumpstation unterm Pergamonmuseum ist oder eine zu enge Zufahrt zur Baustelle, an der sich die Betonmisch-Lastwagen stauen. Oder die denkmalgeschützten Fassaden der alten Staatsbibliothek Unter den Linden. Ein Bauleitungsbüro ist für das Kleingedruckte der Baustelle zuständig. Alles, was im Realisierungsprozess hinter dem Entwurf des Architekten liegt, gehört in den Aufgabenbereich der Bauleiter. Sie sind oft Überbringer schlechter Nachrichten, wenn etwa der Baugrund kontaminiert oder nicht tragfähig genug ist, das vorgesehene Material reißt oder bröckelt. Doch umgekehrt sind sie auch die Möglich-Macher, weil sie Schwierigkeiten beseitigen, Risiken erkennen und minimieren sowie eine Brücke zwischen Baukunst und Ingenieurskenntnis herstellen können. 
Die im Dunklen sieht man nicht Image 3
Die Referenzliste des BAL liest sich beeindruckend: Barkow-Leibinger, Caruso StJohn, David Chipperfield, Diener & Diener, Gewers & Pudewill, Hans Kollhoff, Herzog & deMeuron, HG Merz, Kleihues + Kleihues, Lord Norman Foster, Miller Maranta, Müller Reimann, Oswald Matthias Ungers und Vandkunsten – daneben stehen viele andere. Man kann sich gern auch an die eindrückliche Liste der betreuten Bauwerke halten, die vom Neubau des Bundesnachrichtendienstes über die Staatsbibliothek und das Galeriehaus am Kupfergraben, von der Neuen Nationalgalerie über großflächige Wohngebiete bis zum Universitätscampus in Frankfurt am Main und den Neubau des Bauhausmuseums in Dessau reicht.

Kompetenz, sagt BAL-Vorstand Ulrich Schulte, kenne keine Herkunft. Wichtiger seien Persönlichkeit, Charakter, Courage und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Diese Sätze von Klarheit und sozialer Weite müssen gerade in den kriselnden Zeiten unserer Gegenwart wieder deutlich ausgesprochen und natürlich auch gehört werden. Damit der Entwurf des Architekten im Glanz der Ausführung erstrahlen kann.

Der Autor ist Architekturkritiker und Publizist. Zu seinen Werken zählen „Baumeister des neuen Berlin“ und „Auf der Suche nach der verlorenen Stadt“.

Grandaire

Hommage an Berlin 

Ausstellung zur Schönheit des Alltäglichen  

Was verkörpert das Gesicht einer Stadt? Sind es ihre architektonischen Wahrzeichen oder nicht eher die alltäglichen städtischen Räume? Für die Ausstellung „Berlin – Die Schönheit des Alltäglichen“ begaben sich vier Fotografinnen und Fotografen sowie ein Autor auf Entdeckungsreise zu den erstaunlichen Details, Relikten und Zeitschichten der Stadtlandschaft. Entstanden ist eine fotografische Hommage an Juwelen der Alltagsarchitektur, gefährdete Denkmale und die Schönheit des Seriellen.

Die von Nadine Blanke, Carsten Horn, Thilo Mokros und Alexander Nicolussi – allesamt Absolventen der Neuen Schule für Fotografie–gemachten Aufnahmenoffenbaren eine urbane Unverwechselbarkeit, die sich nicht in Postkartenmotiven manifestiert, wie die Berliner Gehwege und ihre Pflastertradition, die Architektur der U-Bahnhöfe oder das Berliner Mietshaus.

Zur Eröffnung der Schau hat Frank Peter Jäger die zweite Auflage seines Buches „Berlin – Die Schönheit des Alltäglichen“ vorgestellt. Mit seinem Stadtführer der anderen Art will der Autor ebenfalls den Blick auf die Alltagsästhetik der Stadtlandschaft legen. Schwerpunkte bilden etwa die Details der von Zeit und Geschichte geprägten Bauten und Materialien des städtischen Raums sowie die Vielseitigkeit der Mietshäuser. Tsp

Die Ausstellung ist von diesem Montag an bis zum 21. August jeweils montags bis donnerstags von 9 bis 17 Uhr und freitags von 9 bis 15 Uhr in den Räumen der Architektenkammer Berlin, Alte Jakobstraße 149, Berlin-Kreuzberg zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Tel Aviv feiert Bauhaus-Jubiläum 

Die „Weiße Stadt“ in Tel Aviv. Das Viertel zählt zum Unesco-Welterbe. Foto: dpa
Die „Weiße Stadt“ in Tel Aviv. Das Viertel zählt zum Unesco-Welterbe. Foto: dpa
Tel Aviv bekommt zum 100. Jubiläum der Gründung der Kunstschule Bauhaus ein neues Besucherzentrum für die „Weiße Stadt“. In dem neuen White City Center können sich die Besucher über das Unesco-Welterbe informieren und bekommen Führungen angeboten, wie das Staatliche Israelische Verkehrsbüro mitteilt. Auch Ausstellungen, Lesungen und Kulturveranstaltungen sind geplant.

In Tel Aviv wurden ab den 1930er Jahren rund 4000 Bauwerke im Bauhaus- und Internationalen Stil errichtet, die das Stadtbild bis heute prägen und als „Weiße Stadt“ bekannt sind. Das private Bauhaus Center bietet schon länger Führungen an, die rund 20 Euro pro Person kosten und immer freitags um 10 Uhr starten. Die Anmeldung ist online erforderlich auf www.bauhaus-center.com. In der Bialik-Straße befindet sich zudem ein kleines Bauhaus-Museum.

Für Spaziergänge in Eigenregie eignen sich der Rothschild-Boulevard und dessen umliegende Straßen. In der Umgebung finden sich besonders viele restaurierte Bauhaus-Gebäude.

Der Architekt der Moderne, Walter Gropius (1883-1969), gründete das Bauhaus 1919 in Weimar als Hochschule für Gestaltung. Später zog es nach Dessau um und dann nach Berlin. 1933 wurde das Bauhaus auf Druck der Nationalsozialisten geschlossen. Die „Weiße Stadt“ in Tel Aviv wurde zu einem großen Teil von geflohenen jüdischen Architekten aus dem Deutschen Reich entworfen. dpa 

VERANSTALTUNGEN 

Architekten bieten besondere Einblicke

Unter dem Motto „Architektur bleibt!“ öffnen an diesem Wochenende wieder Architekturschaffende bundesweit ihre Büros und zeigen – mitunter sonst unzugängliche – Projekte. In Berlin lädt die Architektenkammer heute und morgen zu rund 120 Führungen in etwa 60 Objekten, hinzu kommen Stadtspaziergänge, Radtouren und Baustellenbesuche. 33 Planungsbüros geben Einblick in ihre Arbeit – mit Vorträgen, Ausstellungen, Festen und Gesprächen.

Zu entdecken sind vielfältige Projekte aus Architektur, Landschafts- und Innenarchitektur. In diesem Jahr ist der Tag der Architektur zudem einer der Höhepunkte des „MakeCity“-Festivals in Berlin.

„Die Architektur einer Metropole muss durch entsprechende Planungs- und Vergabeprozesse so entwickelt werden, dass die gesamte Stadtgesellschaft davon profitieren kann“, sagte die Präsidentin der Architektenkammer Berlin, Christine Edmaier, im Vorfeld der Veranstaltung. „Die Einbeziehung der unmittelbaren Nachbarschaft gehört ebenso dazu wie die Qualifizierung des öffentlichen Raumes, die Aufenthaltsqualität auf Freiflächen und Spielplätzen sowie eine lebendige Nutzungsmischung.“ Zu sehen sind in diesem Jahr unter anderen das Hochhaus „Upper West“, das Büro Kleihues + Kleihues, der Kopfbau des früheren Flughafen Tempelhof und das Zukunftshaus Futurium.

Neben zahlreichen Wohnbauten sind auch Theater, Museen, Bibliotheken, Bildungseinrichtungen und Krankenhäuser geöffnet. Eine Feuerwache, ein Hotel und ein Verlagsgebäude sind ebenfalls dabei. „Die Bandbreite verdeutlicht das breite Spektrum, in dem Berlins Architekturschaffende tätig sind. Sie prägen mit ihren Bauten, Interieurs und Freiräumen die Lebensqualität einer Stadt“, sagte Edmaier.

Der Schwerpunkt der gezeigten Projekte liegt indes in der Innenstadt, wobei diese längst über den Bezirk Mitte (23 Objekte) hinausreicht: stark vertreten sind vor allem Friedrichshain-Kreuzberg (19), Pankow (16) und Charlottenburg-Wilmersdorf (12). Aber auch in Treptow-Köpenick (8), Tempelhof-Schöneberg (6), Steglitz-Zehlendorf (5) und Neukölln (4) gibt es vieles zu entdecken. Der Eintritt zum Tag der Architektur ist frei. Eine Anmeldung ist nur dort erforderlich, wo die Teilnehmerzahl beschränkt ist. Weitere Informationen finden sich unter www.ak-berlin.de und www.tag-der-architektur.de. alr
www.ak-berlin.dewww.tag-der-architektur.de
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Tag der Architektur Berlin
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