Die europäischen Tage des Kunsthandwerks 2018

22. März 2018

Frischzellenkur für die Alten

Anja Idehen und Michael Janowski restaurieren im Team: Sie verarztet die Gemälde, er bewahrt die Fassung  

Mit Fingerspitzengefühl. Bei jeder Bildkonservierung, hier „Raucherpause“ von Emanuel Spitzer  wird akribisch nach Rissen gefahndet. 
Mit Fingerspitzengefühl. Bei jeder Bildkonservierung, hier „Raucherpause“ von Emanuel Spitzer wird akribisch nach Rissen gefahndet. 
Von Judith Jenner

Streng schaut der bayerische Kurfürst mit seiner roten Robe den Betrachter an. Sein Porträt wurde vermutlich im Jahr 1625 in Öl auf eine Kupferplatte gemalt. Ein Loch an der Oberseite des Metalls deutet darauf hin, dass das etwa DIN A5 große Bild einmal an einem schlichten Nagel an der Wand hing.

Jetzt steht es auf einer Staffelei vor Anja Idehen in ihrem Atelier in Friedenau. Ein Sammler hat die Gemälderestauratorin damit beauftragt, es von Schmutz zu befreien, das Loch in der Platte zu schließen, Ablösungen in der Malschicht zu festigen und Farbverluste zunächst zu kitten und dann zu retuschieren – aufgrund des Trägermaterials ein ungewöhnlicher Auftrag für Anja Idehen.

„Die meisten Gemälde, die ich bearbeite, sind rund 100 Jahre alt und in Öl auf Leinwand gemalt“, sagt die Fachfrau. Mal muss sie Risse oder Löcher ausbessern, bei anderen löst sich die Farbe oder der Firnis, eine harzartige Schicht zum Schutz des Ölgemäldes. Auch Versicherungsschäden begutachtet sie. Jedes Bild sei wie ein neuer Patient.

Wie drastisch der Unterschied zwischen Ausgangs- und Endzustand ist, beweist ein Blick in die Referenzenmappe der Diplom-Restauratorin: Ein vergilbtes Porträt wirkt plötzlich wieder hell und ausdrucksstark, eine Landschaft bekommt ihre Strahlkraft und Tiefe zurück. „In Museen muss ich immer besonders aufpassen, dass ich nicht zu nah an die Bilder herangehe“, sagt sie. Wer tagtäglich mit kostbaren Kunstwerken hantiert, gewöhne sich schließlich daran. Deswegen erfordert jeder Eingriff Augenmaß und viel Fingerspitzengefühl.
Auftraggeber von Idehen und Janowski sind Sammler und Museen, die die kostbaren Werke erhalten wollen. 
Auftraggeber von Idehen und Janowski sind Sammler und Museen, die die kostbaren Werke erhalten wollen. 
Seit 2015 arbeitet Anja Idehen zusammen mit Michael Janowski in einem Atelier. Sein Beruf ist inzwischen sehr selten geworden. Er arbeitet als Vergolder und Fassmaler. Das hat nichts mit bemalten Weinfässern zu tun, sondern kommt von dem Wort Fassung. Michael Janowski fasst vor allem Bilderrahmen, die er anfertigt, restauriert und eben auch mithilfe unterschiedlicher Techniken vergoldet.

Mit ihrer jeweiligen Spezialisierung ergänzen sich die Kunsthandwerker perfekt. Es ist nicht selten, dass im Zuge einer Gemälderestaurierung der Rahmen überarbeitet werden soll oder gar der Wunsch nach einer neuen Fassung für ein Gemälde besteht. Manchmal arbeiten Idehen und Janowski auch gemeinsam auf einer Baustelle – wie in der frisch sanierten Staatsoper. Dort haben sie die Wand- und Deckenoberflächen sowie die Holzbauteile überarbeitet, neu gefasst und zum Teil vergoldet.

„Jedes Bild ist für mich wie ein neuer Patient“  

Fotos: Michael Janowski (3)
Fotos: Michael Janowski (3)
Wie empfindlich sein Material ist, zeigt Michael Janowski am Vergolderbrett. In einem Heftchen befindet sich das feine Blattgold. Mit einem speziellen Messer schneidet er die acht mal acht Zentimeter großen Blätter zurecht und trägt sie mit einem Pinsel, dem sogenannten Anschießer, vorsichtig auf die zuvor vorbereitete Kreidegrundfläche auf. Eine komplizierte Aufgabe, bei der eine ruhige Hand und viel Geduld gefragt sind. Am Ende steckt in einem kompletten Bilderrahmen rund eine Woche Arbeit.

Die Arbeitsstunden sind auch der größte Kostenfaktor. Doch weder eine Gemälderestaurierung noch ein handwerklich gefertigter oder aufgearbeiteter Rahmen sind unbezahlbar: Pro laufenden Meter veranschlagt Michael Janowski ab 70 Euro aufwärts.

Bei Anja Idehen hängt es ganz davon ab, wie intensiv das Bild „verarztet“ werden muss. „Ich muss es sehen, um den Aufwand abzuschätzen“, sagt sie. Dafür fährt sie bei besonders großen Werken auch mal zum Kunden nach Hause.

Ob Gemälde oder Rahmen, beides ist eine nachhaltige Investition. „Eine Restaurierung sollte in der Regel 50 bis 70 Jahre halten“, sagt Anja Idehen. Erst nach dieser Zeit müsse man erneut Hand anlegen. Früher haben Maler diese Arbeit übernommen. Oft entdeckt Idehen Spuren alter Restaurierungen auf den Bildern und spürt dabei bisweilen Skurriles auf. In einem besonders krassen Fall hatte ein Fachkollege einem kleinen Jungen offensichtlich nachträglich Löckchen verpasst, die im Original gar nicht vorhanden waren. Für Anja Idehen sind solche Eingriffe tabu. Sie sieht sich der Charta von Venedig verpflichtetet, einem Kodex der Denkmalpflege, nach dem das Bau- oder Kunstwerk möglichst authentisch zu erhalten ist. „Alle nachträglich aufgebrachten Ausbesserungen müssen reversibel sein“, erklärt sie. Daher arbeitet die Gemälderestauratorin mit Acryl- oder Temperafarben, nie mit Öl auf Öl. Mit der Zeit werden Retuschen aufgrund von Alterungsprozessen sichtbar, dann ist es wieder Zeit für eine neue Restaurierung. Einige Gemälde sind in so schlechtem Zustand, dass sie eine etwas aufwendigere Behandlung brauchen. Wie die auf dünnes Tüchlein gemalte „Mondschein Madonna“, die jetzt an der Wand des Ateliers lehnt. Das Gemälde muss durch eine zweite Leinwand verstärkt werden, weil die Farbe auf der dünnen Unterlage zu schwer wiegt und das immer spröder werdende Gewebe vom Keilrahmen reißt. Doublieren heißt dieser Vorgang, für den sich Anja Idehen extra einen Vakuumheiztisch zugelegt hat. „Früher wurde diese Arbeit mit Bügeleisen erledigt“, sagt sie und leidet fast physisch mit den empfindlichen Farben und Texturen mit.

Im Bekanntenkreis werden Anja Idehen und Michael Janowski oft um ihre seltenen Jobs beneidet. Doch die wenigsten wissen genau, was sie da tun. Um das zu ändern, öffnen sie jetzt ihr Atelier (siehe Infokasten). Auch anlässlich der alljährlichen Friedenauer Südwestpassage Kultour laden sie Künstler ein und erklären Interessierten ihre Handwerkskunst. Und so mancher Gast erinnert sich dabei tatsächlich an ein Erbstück, das unbedingt mal eine Frischzellenkur brauchen könnte.

Studio Galerie Berlin

EDITORIAL 

Mélange à deux 

Paris und Berlin zeigen, was ihre Künstler können 

Im Kunsthandwerk kommen zwei faszinierende Bereiche zusammen: die Kunst und das Handwerk. Diese Verbindung schafft eine Melange aus Kreativität, Fingerfertigkeit und Expertise. Diese Melange wiederum findet Ausdruck in zahlreichen schönen Gegenständen“, schreibt die deutsche First Lady Elke Büdenbender, Schirmherrin der Europäischen Tage des Kunsthandwerks. Dass Berlin diese Tage vom 23. bis 25. März feiern kann, ist der Initiative und der Kooperation der Handwerkskammer Berlin und der Handwerkskammer Paris zu verdanken. Alle zwei Jahre zeigen beide herausragende Künstler aus ihren Städten, dieses Mal im Kunstgewerbemuseum – ein würdiger Rahmen. Darin eingeschlossen sind die Nominierten für den Landespreis Gestaltendes Handwerk Berlin.

Beliebt sind die drei Tage bei den Kunsthandwerkern auch deshalb, weil viele ihre Ateliers öffnen und Besuchern Einblicke in ihr Schaffen gewähren. Die Initiative der Kammern zahlt sich aus: Weitere Akteure haben sich angeschlossen und bieten Veranstaltungen an (siehe Kasten). Aber auch die Kammern von Hannover, Dresden, Leipzig und Chemnitz sowie der Länder Brandenburg und Rheinland-Pfalz folgen dem Berliner Beispiel. Und setzen damit ein Zeichen für gute Gestaltung.

Rolf Brockschmidt

AUF EINEN BLICK  

Das Programm

Die 5. Europäischen Tage des Kunsthandwerks finden vom 23. bis 25. März 2018 in verschiedenen Städten statt: www.kunsthandwerkstage.de

DAS PROGRAMM IN BERLIN

Ausstellung „Transformations“ mit Kunsthandwerk aus Paris und Berlin sowie Arbeiten von Teilnehmern des Landespreises Gestaltendes Handwerk, 23. März bis 15. April, Kunstgewerbemuseum Berlin, Matthäikirchplatz

Tage der offenen Ateliers

Rund 145 Kunsthandwerker öffnen zwischen dem 23. und 25. März ihre Türen (Übersicht und Öffnungszeiten unter: berlin.kunsthandwerkstage.de). Anja Idehen und Michael Janowski (siehe Artikel rechts) findet man in der Wielandstr. 23, 12159 Berlin-Friedenau, www.das-schoene-bewahren.de. 

Studio Galerie Berlin

Die Studio Galerie Berlin zeigt ab heute und bis zum 28. April Arbeiten der Schmuckdesignern Brit Kolleß sowie Keramiken der vielfach ausgezeichneten Töpferin und Fayencemalerin Sigrid Hilpert-Artes. Frankfurter Allee 36a, 10247 Berlin-Friedrichshain, www.studio-galerie-berlin.de.

„Echt – modern craft“

In der Villa Elisabeth in Berlin-Mitte findet vom 23. bis 25. März die Verkaufsausstellung „Echt – modern craft“ statt. Tsp
www.kunsthandwerkstage.de www.das-schoene-bewahren.de www.studio-galerie-berlin.de berlin.kunsthandwerkstage.de
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